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    Grenzerfahrungen auf über 300 Kilometern

    spo-IMG_8250-bit       -  Am Anfang noch in einer Spitzengruppe, setzte sich Jens Schuhmann (vorne links) nach 70 Kilometern ab und überquerte nach zehn Stunden und 40 Minuten als Schnellster der Langdistanz über 306 Kilometer die Ziellinie.
    Am Anfang noch in einer Spitzengruppe, setzte sich Jens Schuhmann (vorne links) nach 70 Kilometern ab und überquerte nach zehn Stunden und 40 Minuten als Schnellster der Langdistanz über 306 Kilometer die Ziellinie. Foto: Sebastian Schmitt

    Die Freiluft-Dusche bei immer noch angenehmen Temperaturen war die reinste Wohltat nach diesem heißen Ritt. „Das war eine superschöne Runde. Aber ich bin völlig zerstört. Respekt vor jedem, der das gefahren ist. Die Hitze hat das alles extrem anspruchsvoll gemacht. Im Saaletal hat die Luft ja teilweise gestanden“, sprach Jens Schuhmann kurz nach seiner Ankunft ins Mikrofon von Moderator Jürgen Kunkel. Der Wildfleckener hatte die insgesamt 306 Kilometer und 5500 Höhenmeter in fantastischen 10 Stunden und 40 Minuten als Schnellster hinter sich gebracht.

    „Nach etwa 70 Kilometern habe ich am Bauersberg, dem Anstieg von Bischofsheim Richtung Heidelstein, einen Ausreißversuch unternommen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich in den Flachstücken wieder eingeholt werde. Dem war aber nicht so. Mein Vorsprung wurde immer größer, obwohl ich zwischenzeitlich einen platten Reifen hatte und den Schlauch wechseln musste. Und so bin ich die restlichen 235 Kilometer alleine Richtung Ziel gefahren“, sagte der für das Euerdorfer Bikeworld-Team Brand fahrende Schuhmann.

    Rhön300 wird wohl auch im nächsten Jahr wieder stattfinden

    Offiziell konnte die dritte Auflage von Rhön300 aufgrund der Pandemie nur ein touristische Ausfahrt sein, aber mit viel Herzblut und organisatorischem Talent hatte Veranstalter Peter Baumgart für optimale Bedingungen samt Hygienekonzept gesorgt. „Die Auflagen wurden eingehalten, auch die kontrollierende Polizei war mit der Umsetzung sehr zufrieden“, sagte der Schondraer, der am 7. August 2021 die nächste Auflage plant – was durchaus eine Überraschung ist. „Nach dem dritten Mal sollte eigentlich Schluss sein, weil der Aufwand doch extrem hoch ist. Aber die Sportler haben uns ein so wunderbares Feedback gegeben, dass ich gar nicht anders kann.“

    Tatsächlich wurde den Pedaleuren ein Wohlfühl-Paket geschnürt. Ein Foodtruck auf dem Schondraer Sportgelände sorgte schon ab 4 Uhr in der Früh für ein reichhaltiges Verpflegungsangebot, an der Strecke konnten die Radsportler an insgesamt zehn Stationen ihre Energiespeicher auffüllen, teils sogar mit warmen Mahlzeiten angesichts diverser Kooperationen mit Gaststätten. „Was an Lebensmitteln übrig bleibt, spenden wir der Tafel“, sagt Baumgart, der trotz des fehlenden Wettkampf-Charakter eine moderne elektronische Zeitnahme „eingekauft“ hatte. Über einen sogenannten RFID-Transponder hatte der Veranstalter die Möglichkeit, über bestimmte Messpunkte den Überblick über das Peloton zu behalten, das sich fast ausschließlich auf öffentlichen Straßen bewegte. Von den 340 gemeldeten Teilnehmern auf den Strecken über 300, 180 und 110 Kilometern waren 290 am Start, von denen 273 das Ziel erreichten.

    Strecke diesmal ganz im Zeichen von 30 Jahren deutsche Einheit

    In diesem Jahr hatte sich Peter Baumgart für eine etwas andere Streckenführung entschieden. „Die 30 Jahre der deutschen Einheit wollte ich irgendwie symbolisieren, weshalb es diesmal 30 Kilometer mehr durch die Thüringische Rhön ging“, sagt der 64-Jährige, der die Sportler von der Wasserkuppe als dem höchstgelegenen Punkt der Strecke kommend über das hessische Tann in einem Bogen in Richtung Kaltennordheim und Kaltensundheim lotste. Über Fladungen und Bad Neustadt wurde wieder der Landkreis Bad Kissingen erreicht. Bei der Verpflegungsstation in Bad Bocklet warteten auf die Athleten noch gut 100 höhenreiche Kilometer.

    Schmerzen im Knie zwingen Svenja Betz zum Aufgeben

    „Ein solches Rennen wird im Kopf entschieden und wenn der streikt, dann ist es nicht möglich, eine solche Distanz zu fahren“, sagt Maja Betz. Die 22-jährige Nordheimerin nahm bereits im letzten Jahr an der Veranstaltung teil und bewältigte die 306 Kilometer diesmal in gut elf Stunden. Gestartet war sie um 6 Uhr gemeinsam mit ihrer Schwester Svenja Betz, die in der Rad-Bundesliga für das Team RSG Gießen Biehler an den Start geht. „Nach gut 160 Kilometern musste Svenja aber leider aufgrund von starken Schmerzen im Knie aussteigen“, bedauerte Maja Betz.

    Auf den über 300 Kilometern war Maja Betz so immer wieder mal auf sich alleine gestellt. „Zu Beginn der Strecke bin ich noch mit einer größeren Gruppe mitgefahren. Da diese an einem Anstieg nach 23 Kilometern ordentlich Tempo machten, ließ ich sie ziehen. Ich wusste ja, was im Laufe des Tages noch auf mich zukommen würde.“ Relativ schnell traf sie aber auf einen Radfahrer, mit dem sie die Gruppe wieder einholte. Nachdem Majas Schwester in Urspringen ausgestiegen war, ging es zunächst wieder alleine weiter. Von Bastheim bis Hammelburg hatte die 22-Jährige dann wieder einen Begleiter, den sie an einem Anstieg allerdings ziehen lassen musste.

    Auf den letzten Kilometern überwiegen Freude und Stolz

    „Die letzten 55 Kilometer hatten es mit einigen Höhenmetern noch einmal ordentlich in sich. Ans Aufgeben habe ich aber zu keinem Zeitpunkt gedacht“, sagt Betz. „Gegen Ende der Tour war ich definitiv über jeden einzelnen gefahrenen Kilometer froh, mit dem ich dem Ziel näher kam. Allerdings überwiegt kurz vor dem Ende auch das Gefühl von Glück und Zufriedenheit. Man weiß, dass man es gleich geschafft hat und eine Distanz von über 300 Kilometer mit einigen Höhenmeter am Stück mit dem Fahrrad überwunden hat. Das ist natürlich ein tolles Gefühl, welches man nicht alle Tage hat.“

    Auf dem Jakobusweg hatte Peter Baumgart vor Jahren die Vision zu diesem Rhöner Radrennen gehabt. Sportlich anspruchsvoll und landschaftlich reizvoll. „Viele Auswärtige waren auch diesmal begeistert vom Land der offenen Fernen und wollen gerne wiederkommen“, sagt der Schondraer, der mit seinem Helferteam bereits im Laufe des Sonntags die umfangreiche Beschilderung wieder verstaut und am DJK-Sportgelände für Ordnung gesorgt hatte. Dort, wo dieser junge Klassiker in 2021 hoffentlich wieder ein Wettkampf sein darf.

    Von Jürgen Schmitt

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